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Die andere Form des Gotteslobes

Von FELICITAS ZINK, 24.12.04

BONN. „Come and Gospel“, lautet die ermunternde Aufforderung auf dem Flyer des Gospelchors „Swinging Rainbow“. „Gospel“, was nichts anderes als „Evangelium“ bedeutet, gibt es laut Wörterbuch als Verb „to gospel“ gar nicht. Klar, es geht nicht um grammatikalische Verschiebungen, sondern um ein Lebensgefühl, transportiert vom geistlichen Liedgut nordamerikanischer Farbiger.

Der Gospelsong bildete sich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts aus dem bereits standardisierten Negro Spiritual heraus und wurde durch musikalische Techniken, die man aus dem Jazz kennt, bereichert. Mahalia Jackson trug die christlichen Botschaften beseelt in die Welt und wurde zur Ikone. Gotteslob einmal ganz anders. Händeklatschen, Fußstampfen inbegriffen, mitunter sogar Band, meistens ein Keyboard: „Glory Halleluja“ statt „Lobet und preiset den Herrn“. Was zieht immer mehr Bonner hin zu der Kirchenmusik afroamerikanischer Herkunft?

„Es ist das Gefühl. Denn der ganze Körper swingt mit“, erklärt Liane Pleuser. Sie hat im Tannenbusch 1999, auf Initiative von Pfarrer Martin Hentschel, selbst begeisterter Musiker und nun am Keyboard fest engagiert, den Gospelchor „Swinging Rainbow“ gegründet. Ein „kunterbunter Haufen“, so die Leiterin und Querflötistin.

Mit genügend Vorbehalten hatte sie als klassisch ausgebildete Musikerin - sie spielt Querflöte - zu Beginn gegen diese etwas andere Version des Kirchenlieds zu kämpfen. Sie begriff schnell, dass es neben den bekannten Spirituals, wie „Go, tell it on the Mountain“ oder „Swing low“, weit mehr Facetten zu entdecken galt. Inzwischen steht sie vollkommen auf der Seite dieser emotionalen Musik, die sie, wie sie betont: „zutiefst bewegt“. Auftritte finden vorwiegend im kirchlichen Rahmen in der Apostelkirche statt. Etwa zu Themengottesdiensten, wie unter dem Motto „Heaven“ - über Leben und Tod -, zu dem die 25 bis 28 Sängerinnen und Sänger dann vor allem Spirituals, die auch als „Traditionals“ bezeichnet werden, beisteuern.

„Was uns zusammenführte, ist der Spaß zu singen“, so Stephan Pridik, Kirchenmusiker und Leiter des Gospelchors der evangelischen Auferstehungskirche auf dem Venusberg. Er fügt hinzu, „wir leben in einer von Popmusik geprägten Welt, also liegt es nahe, ähnliche Musik auch in der Kirche singen zu wollen.“

Für einige seiner Sänger ist der Gospelchor „S(w)ining Chariot“ - was so viel wie der s(w)ingende Himmelswagen bedeutet - der einzige Kontakt zur Kirche. Traditionell sind die Auftritte des Chors am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Klinikkirche auf dem Venusberg. „Jesus, o what a wonderful child“ oder „Virgin Mary had a baby boy“ heißen die weihnachtlichen Botschaften, die so emotional, gefühlvoll und mit einer in die Interpretation integrierten Körperbewegung dem Geburtstag von Jesus Christus huldigen.

Die Spontaneität, die herausragende rhythmische Prägung und die einfachen Rufe spreche viele Musikliebhaber an, weil sie der Popmusik näher komme als unsere traditionelle Kirchenmusik, so Pridik. Die intensive Auseinandersetzung mit der die Bewegung und das Körpergefühl ansprechende Musik lege dem Gospelchor geregelte Choreografien nahe, die stimmig das musikalische Muster untermauern. Musik als Körpergefühl, die den Funken zum Publikum schneller überspringen und keinen unbewegt lässt.

Besonderen Raum für Diskussionen, so sind sich die Bonner Chöre einig, nimmt das gesamte Erscheinungsbild ein. Alles dreht sich dann um die Frage: Wie sollen die Sänger gekleidet sein? Während man sich auf dem Venusberg nach langem Hin und Her für blütenreines Weiß entschieden hat, tritt der überkonfessionelle Gospelchor „Wave of Joy“, im Bonner Süden beheimatet, in eigens angefertigten Roben der Farben Dunkelblau und Satinrot auf.

In den Räumen der Poppelsdorfer Gemeinde St. Sebastian probt der zirka 100 Mitglieder im Alter zwischen 17 und 67 Jahre verzeichnende größte Chor. Er hat sich in erster Linie zeitgenössischen Gospels verschrieben. Kompositionen von Richard Smallwood, Kirk Franklin oder Clarence Eggleton stehen auf dem Programm. „In Amerika sind sie Stars“, erzählt Chorvorsitzende Ulrike Kemper. Geprägt ist die in den 30er Jahren sich auf der Tradition des Spirituals rekrutierende Form des Gospels von dem charakteristischen jazzigen, rhythmischen Stil. Titel, wie „Jesus is the Reason for the Season“ (Weihnachten gibt es nur wegen Jesus) bringen die Weihnachtszeit wortspielerisch auf den Punkt.

Besonders bewegt war der Bonner Chor, als er auf Verbindungen der Leiterin Angelika Rehaag im Februar eine zehntägige Reise in die Vereinigten Staaten unternehmen konnte, wo der Empfang überschwänglich freundlich ausfiel. In Cleveland / Ohio spürten die Bonner eine enorme Bestätigung für ihre Auseinandersetzung mit der afroamerikanischen Kirchenmusik. Nun gibt es ihre Gospels sogar auf einer ersten CD unter dem viel versprechenden Titel „Spirit One“.

Bleibt der Wunsch an alle Bonner Gospelchöre: „Merry Christmas!“ Und: „Keep on swinging!“

 

 

 

 

Lange Gospelnacht in Schlebusch zur 150-Jahr-Feier des schmucken Kirchleins "Auf dem Blauen Berg".
In der idyllischen Kirche, oberhalb von Schlebuschs Durchgangsstraße gelegen und über einen hohen Treppenaufgang zu erreichen, lassen sich Brautpaare auch anderer Bezirke gern trauen. Dann umrahmen die vor sieben Jahren dort gegründeten Blue Mountain Singers die Zeremonie mit Spirituals. Jetzt gab es einen anderen Anlass, deren Musik zu hören: Die Kirche "Auf dem Blauen Berg" wird bald 150 Jahre alt; der eigentliche Geburtstag ist am 12. Dezember.